Gedanken zum Schreiben

Ich hatte ja im November diesen kleinen Anflug von „Die Geschichte ist grossartig“ und „Ich kann nicht aufhören zu schreiben“.
Der Anflug war nur von kurzer Dauer, aber ich liebe dieses Wahnsinnsgefühl trotzdem 😉
Während dieses Rausches, hatte mein Zug nach Hause Verspätung, d. h. erst hatte ich Verspätung und habe meinen eigentlichen Zug verpaßt und dann kam der Nachfolger zu spät. Jedenfalls saß ich am Gleis auf der Bank und weil es nieselig war (mein Zug fährt in einer überdachten Halle, aber viele Bahnfahrer sind ja solche Warmduscher…), war ich die Wartezeit über fast allein. Ich zog also mein kleines Notizheft raus und begann zu schreiben. Irgendwann setzte sich ein älterer Mann neben mich. Da er immer noch weit genug weg saß, um nicht in mein Heft schielen zu können (auf so etwas lege ich sehr großen Wert 🙂 ), schrieb ich einfach weiter. Es dauerte eine Weile, dann fragte er mich, ob ich Lehrerin wäre. Man würde sonst am Bahnhof niemanden mehr schreiben sehen. Die meisten Bahnfahrer würden auf ihr Handy starren oder mit dem Tablet spielen.
Als ich nicht genau erklären wollte, was ich mache, wurde er offenbar neugierig (und ging mir auf den Geist!). Er fragte, ob das etwa ein Brief sei. Das würde man ja noch viel seltener sehen und überall würden die Postfilialen zumachen müssen, weil keiner mehr schreibt.
Schlußendlich, und weil mein Zug mit noch mehr Verspätung angekündigt wurde, sagte ich ihm, dass ich Autorin bin und an einem Wettbewerb teilnehme. Ich hatte gehofft, dass er den Begriff Wettbewerb mit etwas Ernstem gleichsetzen und mich in Ruhe lassen würde. Ich bin ein naiver Jedi, was?
Aber im Gegensatz zu dem, was ich erwartet hätte, wenn ich vorher nachgedacht hätte, wollte er nicht wissen, was ich schreibe und ob ich das verkaufe. Ihn interessierte, ob ich schreibe, was mir fehlt oder was ich persönlich erlebt habe.
Im ersten Augenblick war mir das echt nicht geheuer. Solche Fragen erschienen mir ein wenig sehr persönlich, dafür, dass ich nicht mal seinen Namen kannte und den Mann auch nie wiedersehen würde. Aber dann fragte er weiter und plötzlich wurde das Gespräch richtig interessant!

Er hat „Autorsein“ mit einem Mangel- und Überschuss-Prinzip verglichen. Als Beispiel nannte er einen Krimi, den ich nicht kannte und dessen Titel ich auch sofort wieder vergessen habe. Er hat ihn gelesen und sich anscheinend die ganze Zeit beim Lesen gefragt, warum das Buch so blutrünstig sein mußte. Seine Vermutung war, dass der Autor entweder selber ein sehr hartes Leben hinter sich hatte (die übliche Verdächtigung, oder?) oder dass dem Autor in seinem realen Leben etwas fehlt, was er mit diesem Buch füllen wollte.
Ich meinte daraufhin (gerade wegen der ersten Vermutung vom harten Leben des Autoren), dass es dem Autoren auch vielleicht einfach nur darum ging, eine Geschichte zu erzählen. Ursprünglich sind wir Autoren nämlich tatsächlich nur Geschichtenerzähler gewesen.
Und prompt hat mich der Mann ein weiteres Mal überrascht: Er sagte, dass das immer gedacht wird, das mit den Geschichtenerzählern. Das würde aber so nicht stimmen, denn schon damals, als die Neanderthaler ihre ersten Bilder an die Wand gemalt haben, hat der Maler / Autor sich mit seinem Bild etwas gedacht und er wollte etwas vermitteln, ob es nun Jagdglück oder gute Weidegründe oder ein großes Missgeschickt waren, war egal. Fest steht, er wollte, dass andere von dem erfahren.
Der Mann fragte mich nun, ob in meinen Geschichten irgendetwas wäre, von dem ich mir vorstellen könnte, dass ich wollte, dass andere es erfahren.
Dazu muss ich sagen, dass ich maximal hier im Blog (also quasi anonym) und mit meinem Mann und einer Freundin über meine Geschichten spreche. Ich mag das einfach nicht und es fällt mir schwer. Mich jetzt mit einem komplett Fremden über meine Geschichten zu unterhalten, ging also gar nicht, gleichzeitig gefiel mir aber die Richtung, in die das Gespräch ging. Ich fand seine Interpretationen und vor allem sein Allgemeinwissen interessant. Er erzählte viel von Malern und Musikern, die er zum Vergleich mit Autoren heranzog, und was er sagte, machte auf für mich neue Weise Sinn. Das hat mich echt beeindruckt, also wollte ich gerne von meinen Geschichten erzählen, nur eben ohne über sie zu sprechen… versteht Ihr das? Man beißt sich quasi auf die Zunge, weil man nichts sagen will und fängt gleichzeitig an zu überlegen, wie man etwas sagen kann ohne es doch zu sagen. Ganz merkwürdiges Gefühl.
Überraschender Weise kam dann auf dem Nachbargleis ein Zug an, nicht meiner, aber dafür seiner. Wir verabschiedeten uns und er stieg ein. Auf dem Bahnsteig herrschte das normale Kommen und Gehen, es gab Durchsagen und jetzt tauchten auch so langsam die üblichen Leute auf, die in meinem Zug sitzen würden. Man kennt sich ja, wenn man täglich fährt. Ich packte also mein Heft weg, weil ich es eben nicht mag, wenn mir jemand beim Schreiben über die Schulter sieht, und begann über das Gespräch nachzudenken. Das Ganze hatte vielleicht fünf Minuten gedauert, aber es beschäftigt mich immer noch.

Wie seht Ihr das?
Schreibt Ihr Geschichten, um etwas „auszugleichen“?
Habt Ihr Euch jemals Gedanken über so etwas gemacht?

Ich habe versucht meine Geschichten unter diesem Aspekt zu beleuchten. Im Monat November war es ja diese Blödsinnsgeschichte, die nicht zählt, aber ich habe ja noch andere Geschichten. In diesen Geschichten geht es immer wieder um Liebe, um die Entwicklung von Charakteren, um irgendwelche Hürden, die sie überwinden müssen und um etwas „Besonderes“. Das Besondere umfasst je nach Geschichte meistens fantastische Elemente, seien es Drachen, die auftauchen, oder mythische Seelenverwandschaften oder sogar Zauberei.
Nach der Theorie des Reisenden fehlt mir etwas oder ich habe es im Überfluss.
Liebe kann man nie genug haben, oder?
Entwicklung von Charakteren? Stehe ich still oder bewege ich mich zu viel und zu schnell? Liegt mir deshalb an dem Thema etwas? Finde ich die Veränderung von meinen Personen so interessant, weil ich das Gefühl habe, ich selber verändere mich gar nicht?
Habe ich zuviel Hürden in meinem Leben oder zu wenig? (wenn jetzt jemand zu wenig sagt, bekommen wir ein Problem miteinander! 🙂 )
Das Besondere. Okay, da gebe ich sofort zu: Ich bin von allem, was nicht „normal“ ist fasziniert. Das müssen nicht mal Drachen sein. Ich würde nicht sagen, dass unser Leben langweilig ist, aber wenn ich daran denke, wie jemand einfach so Dinge herbeizaubern kann oder das es Leute geben könnte, die sich an Dinge ihrer Ahnen erinnern (Stichwort: Genetisches Gedächtnis), sowas finde ich unglaublich spannend und solche Geschichten begeistern mich immer wieder. Kein Wunder, dass ich so etwas schreibe!

Für meine Geschichten mag das also eventuell zutreffen. Aber wie sieht das mit den dunklen Krimis aus, die ich fertig geplottet habe und die ich irgendwann einmal, wahrscheinlich wenn ich in Rente gehe, schreiben werde. Fehlt mir Blut im Leben oder habe ich zuviel davon?

Was ist mit den Leuten, die historische Romane schreiben? Hängen die der Vergangenheit hinterher oder wünschen sie sich das einfache Leben daraus zurück?

Den Zombie-Geschichten-Ausdenkerinnen? Sind deren Kollegen im wirklichen Leben zombieähnlich? Oder wünschen sie sich das wohlmöglich?

 

Da kann man mal wieder sehen, wieviel Gedanken man sich nach einer kurzen Begegnung auf dem Bahnhof macht, oder?

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5 Antworten zu “Gedanken zum Schreiben

  1. … nach der Theorie des Mannes fehlt mir im Leben ein attrativer Typ, der wahlweise von einem anderen Planeten kommt oder ein Werwolf ist.^^ Wahrscheinlich macht das mein Leben dann auch langweilig, aber ehrlich, dass was ich selbst so schreiben will, möchte ich im Grunde nicht wirklich erleben. Was bleibt? Ich habe einfach zuviel Fantasie, die ab und zu versucht mal rauszukommen. 🙂

    Oh, und ehrlich ich rede auch nicht wirklich über die Dinge, die ich irgendwann eventuell vielleicht mal schreiben möchte, was zum Teil auch daran liegt, dass es in meinem direkten Umfeld niemanden gibt, der sich für den „Fantasy/Paranormal/Sci-Fi“ Bereich interessiert und ich es einfach irgendwann zu müde war, mich dafür zu rechtfertigen oder es immer erklären zu müssen.

    • Ich habe das auch sehr lange Zeit nicht gemacht und dann habe ich doch damit angefangen. Es ist eine Befreiung. Ich spreche zwar nicht im Detail über den Inhalt meiner Geschichten, aber über das Schreiben selbst. Manchmal sind die Reaktionen überraschend positiv. Richtig verpackt, kriege ich einige dazu, neugierig zu werden. Das ist ein super tolles Gefühl. Sei also einfach mutig und lass dich nicht verunsichern, wenn jemand das Gesicht verzieht. 😉

  2. Interessante Gespräche, die man so mit Wildfremden führen kann 😛

    Ich weiß, warum ich schreibe, und ein Großteil der Gründe sind höchstpersönlich und gehen niemanden etwas an. Aber ich glaube nicht, dass ich schreibe, um das zu haben, was ich in echt nicht habe – Mord, Krieg, Verschwörungen, Trennungen und Tod? Nee, das brauche ich wirklich nicht, taucht aber immer wieder in meinen Geschichten auf.
    Ich seh das eher so, dass ich in meinen Stories viele Abenteuer erleben darf, die ich in echt nie erleben werde, und ein Happy End garantiert ist, weil ich eines schreiben kann.

  3. Was für ein schöner Beitrag und ich würde mir so ein Gespräch wünschen. Einfach weil ich immer wissen will, was andere so über den Autorenberuf denken.
    Zu deinen unzähligen Fragen. Ich denke, es ist nicht unbedingt, dass uns etwas fehlt, weshalb wir Dinge schreiben, denen wir noch nie begegnet sind, sondern der Versuch, diese Dinge zu verstehen. Autoren sind sehr häufig empathische Menschen, die eine Geschichte, wie du sagtest, dann schreiben, wenn sie anders ist. Was genau ‚anders‘ oder ‚faszinierend‘ ist, ist individuell. Vielleicht schreibt man auch, weil man etwas vermisst oder sich an etwas erinern will, aber auch, um Dinge zu verstehen. Ich zum Beispiel mag eine moralische und gesellschaftskritische Note. Wa ist richtig, was ist falsch und warum gibt es so etwas im Endeffekt gar nicht. Das sind eigentlich philosophische Fragen, denen ich auf den Grund gehe, eingeflochten in eine packende Story.
    Jedenfalls danke ich dir, dass du diese Begegnung mit uns geteilt hast. Dein Text regt zum Nachdenken an.
    +Mika+

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