Paris 13.11.2015

kerze

Ich bin ein im tiefsten Inneren ängstlicher Mensch.
Alles mögliche macht mir Angst: Veränderungen, ungewisse Zukunftsaussichtend, gewisse Zukunftsaussichten, Krankheiten, Prognosen, aber auch die alltäglichen Dinge wie Nachrichten, in denen darüber berichtet wird, dass wir von Flüchtlingen überrannt werden oder dass das Deo, dass ich jahrzehntelang benutzt habe, Alzheimer verursacht. Es können Kleinigkeiten sein oder große, weltbewegende Dinge. Es kann der Schulabschluss meines Sohnes sein, der eine große Veränderung mit sich bringen wird, oder der nächste Woche geplante Zahnarzttermin.
Alles mögliche macht mir Angst.

Ich bin ein im Grunde meines Herzens religiöser Mensch.
Schon als kleines Mädchen habe ich erkannt, dass die typischen Religionen, Christentum, Judentum, Buddhismus, was auch immer, nicht meine Welt sind, weil sie mir mit ihren ganzen Regeln und angedrohten Strafen wiederum nur Angst machen, aber gleichzeitig habe ich auch immer gespürt, dass Religion einem Hoffnung geben kann. Ich hatte immer das Gefühl, jemand ist da, hält irgendwie unsichtbar meine Hand und wenn es auch noch so schlimm wird, kann ich hoffen, dass es immer noch irgendwie gehen kann.  Es war immer etwas wie Trost zu wissen, dass jemand da ist, der das Schlimmste verhindert. Ich suchte also schon früh die geeignete Religion für mich und als ich nichts fand, habe ich mir selbst etwas ausgedacht. Keine Ahnung, wie alt ich damals war, vielleicht vier oder fünf? Inzwischen ist diese Idealvorstellung von einer göttlichen Instanz oftmals in Vergessenheit geraten. Die ernüchternde Realität das niemand da ist, hat für den größten Teil meines Lebens in meinem Verstand Einzug genommen, aber manchmal, ganz selten, erwisch ich mich, wie ich innerlich zu dieser Gottheit bete und hoffe, dass alles nicht ganz so schlimm wird wie ich es befürchte.

Ich bin ein größtenteils aggressionsloser Mensch.
Gut, auch ich habe als kleines Kind im Kindergarten meinen Mitspielern die Schaufel auf den Kopf gehauen und auch ich habe manchmal das Gefühl, dass es Leute gibt, die ich gerne packen und durchschütteln würde, aber so richtig aggressiv, mit körperlicher Bedrohung, bin ich nicht. Ich fluche gerne und lauthals und so manch ein Drängler im Auto hinter mir hat schon mal sonstwas auf den Hals gewünscht bekommen, aber ich würde niemals auf den Gedanken kommen, auszusteigen und dem Fahrer eines auf die Nase zu geben.

Ihr fragt Euch jetzt, warum ich Euch das von mir erzähle?
Weil ich heute morgen nach einer sehr anstrengenden Woche nach gut 12 Stunden Schlaf aufgestanden bin und am Frühstückstisch mit Marmeladentoast in der Hand den Fehler gemacht habe, die Nachrichten einzuschalten und plötzlich kippte mein Weltbild ein klein wenig.

Terror in Paris.
Im Moment vermutlich 120 Tote, unzählige Verletzte. Polizisten und Soldaten riegeln die Stadt ab. Es wurde der Ausnahmezustand verhängt. Unglaublich viele Menschen sitzen verängstigt zuhause und starren auf die Nachrichten und von überall in der Welt kommen Beileidsbekundigungen und Trauermeldungen.
Die Bilder, die ich jetzt gerade im Netz zu sehen bekommen habe, sind schrecklich, und die  Stimmen aus Paris, die davon berichten, wie die Hubschrauber über die Stadt flogen oder wie sie die Erschütterungen gespürt haben, sind grauenvoll.

Aber all das haben wir schon vor Jahren im September gehört und erlebt, und alls dann der ganze Schutt sich gesetzt hatte und die Toten begraben waren, hat jeder Politiker auf der Welt einen ordentlichen Schritt zurückgemacht und plötzlich war von Solidarität und Einheit nichts mehr zu hören.
Ich erinnere mich an unseren damaligen Bundeskanzler Schröder, der Amerika zugesagt hat, dass Deutschland vereint mit Amerika dem Terror entgegentreten wird, und als Amerika sich dann bereit gemacht hat, hat Schröder sich verpieselt und Gesetze und Vorlagen vorgeschoben und Deutschland hat lediglich artig zugesehen. Er hatte Angst, dass wir Deutschen mal wieder als Kriegstreiber angesehen werden.
Genau das wird jetzt auch in Paris geschehen. Die nächsten zwei, drei Wochen wird jede Nachricht sein, dass die Täter gejagt und die Opfer beklagt werden und dann wird Frankreich komplett allein da stehen, weil jede andere Nation sich feige zurückzieht.

Und was tun wir?
Eben im Netz bin ich auf die ersten Postings gestossen, in denen behauptet wird, dass Frau Merkel aufwachen soll. Nicht jeder, der als Asylant zu uns kommt, ist auch ein Opfer. Derjenige, der das Posting gemacht hat, ist offensichtlich der Meinung, dass man jeden einzelnen Asylanten aus Deutschland rausschubsen kann und damit dann in Sicherheit vor solchen Anschläge ist.
Die Angst, die auch ich habe, dass mein Sohn in den nächsten Jahren keine Chance auf einen Studien- oder Ausbildungsplatz haben wird, weil wir „überrannt“ werden oder dass er keine Chance auf eine gute Arbeit hat, weil wir „überrannt“ werden, hat offensichtlich auch derjenige, der dieses Posting gemacht hat. Er möchte, dass die Asylanten sich in Luft auflösen und mit ihnen die Gefahr von Außen und die Veränderung, die auf uns zukommt.
Wie gesagt, ich kann diese Angst mehr als nur verstehen und ich wäre die Erste, die sich wünscht, dass diese ganzen Asylanten wieder zurück dahin gehen, wo sie hergekommen sind.
ABER: Das können sie einfach nicht!
Sie sind nämlich nicht geflohen, weil bei uns das Wetter so viel besser ist oder wir so unglaublich fremdenfreundlich sind. Sie haben auch nicht irgendwann in ihrem sicheren Zuhause gesessen und gedacht „Hey, lass uns in einem Schlauchboot übers Mittelmeer fahren, dabei halb ertrinken und unsere Kinder verhungern sehen, damit wir dann in einem hässlichen, kalten Metallcontainer auf einem Sportplatz überwintern können, während jeder uns nur böse anguckt oder wohlmöglich unsere Container in Brand steckt“.
Sie sind geflohen, weil jede einzelne Nation, die etwas hätte gegen den Terror machen können, einen großen Schritt zurückgemacht hat und sich hinter Gesetzen und Regeln versteckt.
Sie sind geflohen, weil unsere Staatsmänner sagen, die IS wäre eine Art Religion und dürfte darum nicht so ohne weiteres angegriffen werden.
Und sie fliehen, weil unsere Armeen sagen, wir können es nicht riskieren Unschuldige bei einem Versuch die IS zu erwischen zu verletzen.

All das sind sicherlich gute Gründe und ich kann sowohl die Angst als auch die Religion als auch den Versuch der gewaltlosen Lösung verstehen. Ich bin auch jederzeit dafür!
ABER: Selbst im Kindergarten ist es so, wenn ein Junge einem anderen Kind ständig die Schaufel auf den Kopf haut, kommt er in eine Strafecke und muss da allein spielen. Macht er das wieder, landet er wieder in der Ecke. Macht er das dann ein drittes Mal, greift der Erzieher zu drastischen Maßnahmen, um die Unschuldigen zu beschützen.

Die IS hat jetzt so oft ihre Schaufel auf unsere Köpfe gehauen und die Unschuldigen werden lange schon nicht mehr beschützt, dass ich der Meinung bin, jetzt sollten unsere Politiker etwas tun.  Alle Politiker sollten jetzt etwas tun. Gemeinsam. Ich bin mir sicher, wenn alle Länder ihre geheimen Unterlagen zu den IS vergleichen, finden sie die Hauptköpfe und wenn sie sich dann noch zusammen tun, könnten sie das Problem aus der Welt schaffen. Eine Schlange ohne Kopf ist nur ein Strumpf.
Ich weiß, dass klingt aggressiv und gewaltbereit, und ja, ich bin eine Deutsche und damit schon genetisch bedingt eine Kriegstreiberin. Das ist mir scheißegal. Ich möchte, dass die Opfer von Paris die Letzten in dieser unnötigen Schlacht gewesen sind. Ich will, dass die ganzen Asylanten, die genauso verängstigt wie wir alle sind, wieder nach Hause können und das ihre Kinder in Sicherheit und Frieden aufwachsen dürfen.

Ich bin ein im tiefsten Inneren ängstlicher Mensch. Aber Angst hilft nicht gegen Terror.

Ich bin ein im Grunde meines Herzens religiöser Mensch. Aber meine Gottheit würde sich über solche Anhänger schämen.

Ich bin ein größtenteils aggressionsloser Mensch. Aber genug ist genug.

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