Warum schreiben wir?

Warum schreiben wir?

Wollen wir reich und berühmt werden? Auf Missstände aufmerksam machen? Uns unserem Frust einfach von der Seele reden? Andere Leute unterhalten? An die Vergangenheit erinnern? Unsere Kinder in den Schlaf reden?

Es gibt bestimmt noch viele andere Gründe, warum Menschen sich Geschichten ausdenken und diese irgendwie für die Ewigkeit festhalten. Ich erinnere mich, dass ich als ganz kleines Mädchen in der Schule im Geschichtsunterricht (oder wie das damals in der Grundschule hieß) ein Bild von einer Höhenmalerei gesehen habe. Unser Lehrer fragte damals, was der Sinn und Zweck dieses Bildes gewesen sein könnte und während meine Klassenkameraden alle von den besten Jagdgründen schwärmten oder von der Art, wie man jemanen die besten Jagdtechniken beibringen kann, hatte ich immer das Gefühl, der Maler damals in dieser kleinen dunklen, kalten Höhle wollte einfach nur eine Geschichte erzählen. Er wollte damit kein großes Geld verdienen und er wollte sicherlich auch nicht, dass Tausend Jahre später eine Schulklasse darüber nachdenkt, warum er da mit der Asche rumgekritzelt hat. Er wollte seine Geschichte erzählen, vielleicht war sie ausgedacht, vielleicht hatte er sie wirklich erlebt, vielleicht hatte er nicht mal Zuhörer in dem Moment, sondern hat sie einfach nur für später aufgemalt, damit er sie nicht vergaß. All das ist gar nicht wichtig. Interessant ist doch nur, warum er es getan hat. Er war vielleicht ein Jäger in einer Familieneinheit, saß zusammen mit anderem um das Feuer herum und ihm war kalt. In diesem Moment hätte er, wie all die anderen um ihn herum, sich zu seiner Partnerin unter die Mammutdecken kuscheln und sich angenehmeren Dingen widmen können. Aber das hat er nicht getan. Er hat sich hingestellt und mit diesem blöden Aschebrocken Bilder an die Höhlenwand gezeichnet. Er hat eine Geschichte erzählt, die damals sicherlich Sinn ergab und uns heute vor Rätsel stellt.
Dieser Urmensch war einer der ersten Geschichtenerzähler und ich hoffe, er hatte ein begeistertes Publikum!

Wie sieht das jetzt bei uns heute aus?
Viele von uns haben einen Vollzeitjob, eine Familie, Hobbys, anstrengende Verpflichtungen wie die monatliche Kindergartenvereinssitzung oder das Treffen der Ehrenamtlichen. Wir sollten uns, wenn wir denn endlich mal nichts tun müssen, unter unsere Mammutdecke kuscheln und zusammen mit unserem Partner irgendetwas viel erfreulicheres tun. Und wenn wir keinen Partner haben, sollten wir draußen auf der Jagd nach selbigem sein! 😉
Aber das tun wir nicht. Wir kommen gestresst und genervt nach Hause, wir erleben den Tag wie jeder andere Mitmensch und dann, wenn die anderen ihre Energien wieder aufladen in dem sie ins Bett gehen, hocken wir uns vor unsere blinkenden PCs, benutzen die virtuelle Asche und beginnen unsere Geschichten zu erzählen.

Warum tun wir das?
Das Leben könnte so viel einfacher sein, wenn man es nicht täte. Es wäre soviel entspannender und gemütlicher. Man könnte abends nach dem Sport, dem Essen, der täglichen Runde TV oder PC sagen „Hey, es macht gerade soviel Spaß. Ich häng noch eine Stunde Angry Birds ran oder ich schau auch noch die nächste Folge meiner Lieblingsserie“. Zur Not könnte man sich sogar mit seiner Familie unterhalten!

Warum also schreiben wir?

Ich weiß nicht, wie Eure Antwort aussieht, aber über meine habe ich in den letzten 48 Stunden nachgedacht.
Lustigerweise kam dieses Nachdenken zeitgleich mit einem kurzen Gespräch, dass ich mit Jery von Mamor und Ton geführt habe. In unserem Gespräch ging es um einen Schreibratgeber, den wir beide gelesen und für unglaublich gut befunden hatten. Es ist ein Ratgeber für M/M Bücher oder auch Gay Romance. Im Buch bezieht sich der Autor darauf, warum ausgerechnet so viele Frauen dieses Buchgenre so gerne lesen. Jery und ich waren der Meinung, dass das Genre Frauen anzieht, weil es Geschichten beinhaltet, die wir sonst in der „herkömmlichen“ Literatur nicht finden. Das übliche Rollenbild, dass in vielen „normalen“ Liebesgeschichten ziemlich starr und langweilig ist (die ewig kleine, zierliche Heldin, die unbedingt den großen, starken Held braucht, der sie vor was auch immer rettet), muss in diesen Büchern aufgebrochen werden und plötzlich haben wir zwei große, starke Helden, beide attraktiv, und sie müssen sich vielleicht auch gegenseitig retten, aber immerhin kreischen sie dabei nicht hysterisch… Wir lesen diese Bücher also, weil sie Geschichten beinhalten, die wir gerne lesen würden, aber nirgendwo anders finden.

Und ich glaube exakt das ist der Grund, warum ich schreibe.

Ja, klar, ich würde nicht weinen, wenn ich damit plötzlich Geld verdienen könnte und wer von uns hat nicht schon mal davon geträumt Autogramme zu geben (in meinen Träumen kam dieser Aspekt irgendwie nie vor…), aber mein Hauptgrund zu schreiben ist der, dass ich diese Geschichte, die da gerade in meinem Kopf rumspukt, nirgendwo sonst lesen kann. Ich will sie aufschreiben, damit ich sie noch in einem Jahr oder in zwei, einfach aus dem Regal nehmen und lesen kann.
Und verflixt nochmal! Schreiben ist ein harter Job! Mir würde es absolut reichen, wenn ich mir den Kram ausdenke und jemand anders schreibt ihn auf!

Okay, darum schreibe ich also.
Aber warum will ich den Kram unbedingt veröffentlichen?

Geld, Macht, Einfluss? – Wohl kaum.
Was also bringt mich dazu, veröffentlichen zu wollen?

Ganz einfache Antwort:
Der Gedanke, dass da draußen noch jemand ist wie ich, der vielleicht jetzt in diesem Moment gerade darauf wartet, dass er genau so eine Geschichte lesen kann, der treibt mich an. Ich möchte gar nicht, dass dieser anonyme Leser viel Geld ausgiebt, um die Geschichte zu lesen oder dass er  weiter Reisen auf sich nimmt, um mich zu treffen.
Ich möchte, dass er sich meldet und sagt „Hey, das hat mir gefallen. Wo ist der Rest?“

Genau für mich und diesen einen Leser schreibe ich.
Ich zwacke mein bischen Freizeit ab, greif nach dem Ascheklumpen und fang an die Höhlenwand zu bemalen.

Warum schreibt Ihr?

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5 Antworten zu “Warum schreiben wir?

  1. Ich fühle mich geehrt, als Denkanstoß gedient zu haben 😀

    Bei mir ist es im Prinzip gleich wie bei dir – ich schreibe, um die Geschichten zu erhalten, die ich lesen möchte. Um das zu Papier zu bringen, was ich mir vor dem Einschlafen ausdenke. Um mich selbst zu unterhalten. Um irgendwann damit auch andere zu unterhalten. Der Gedanke, dass irgendwo ein Mensch ist, dem ich mit meiner Geschichte ein paar schöne Stunden bereiten kann, der meine Charaktere mag und ihre Erlebnisse und vielleicht sogar mehr davon lesen will, treibt mich ebenso an wie das Wissen, dass ich beim Schreiben besser bin als beim Zeichnen 😉
    Irgendwo muss die Kreativität raus, bei mir über eine Tastatur, weil ich darin nunmal geübter bin als im Umgang mit Pinsel und Farbe.

    Weitere wichtige Gründe sind bei mir noch, dass ich mit meinen Geschichten etwas von mir auf dieser Welt hinterlasse. Da ich keine Kinder haben werde, ist das mein Vermächtnis an die Welt. Ich möchte, dass irgendwas von mir überdauert, und sei es nur als Computerdatei.
    Und ich halte damit meine Dämonen in Schach. Schreiben ist für mich auch eine Art Therapie, in der ich mir die Welt erkläre und Dinge aus meiner Vergangenheit aufarbeite. Ich werde vielleicht niemals darüber reden können, aber ich kann darüber schreiben.

    • Hm… etwas der Welt hinterlassen, wenn ich weg bin, ist für mich überhaupt kein Grund. Im Gegenteil. Ich habe von früher noch dicke Ordner in denen meine ersten Geschichten drin aufbewahrt sind (damals noch per Hand oder Schreibmaschine geschrieben) und ab und zu geh ich durch diese Ordner, siebe quasi, und schmeiß alten Kram weg. Der Gedanke, dass ich wohlmöglich mal tot umfall und irgendwer durch mein Zeug geht, gruselt mich 😉
      Aber ich habe auch einen Sohn insofern ist das vielleicht etwas anders

      • Wenn ich tot ist, ist mir völlig egal, wer meine Sachen liest, das krieg ich eh nicht mehr mit 😉 Zu Lebzeiten hingegen möchte ich mich nicht schamhaft abwenden und tue mein Bestes, damit meine Manuskripte nicht allzu gruselig daherkommen. Was dazu führt, dass ich so gut wie nie was zum Lesen rausrücke, weil ich alles für nicht gut genug befinde. Ist auf Dauer auch nicht ideal…

      • Das Gefühl kenn ich!
        Ich habe mit meinem Mann mehrfach über ein paar Plottwists in der ANTARES-Saga gesprochen. Jetzt ist er mehr als nur neugierig, aber ich bin noch nicht zufrieden, also rück ich nichts raus und dabei will er es unbedingt lesen. Wenn ich es schon meinem Mann nicht gebe, kann der Rest der Welt nicht mal hoffen 😉

  2. Meine Antwort ist eigentlich ganz einfach: Ich schreibe, weil ich schon immer geschrieben habe. Zu manchen Zeiten Geschichten und wenn es mir schlecht ging Tagebuch. Es ist einfach das, was mich komplett macht, das was mir liegt.
    Obendrauf kommt mein Traum, den ich mir mit durchs Schreiben gewonnenen Mitteln – Bekanntheit und Geld – finanzieren möchte. Aber auf dem Weg zu meinem Lebensziel mache ich das, was mir Spaß macht und was ich liebe 🙂

    Eine wirklich interessante Frage, mit einer interessanten Antwort von dir ^^

    Hab ein schönes Wochenende.
    Tinka 🙂

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