Burnout-Seminar – oder Künstler haben’s echt nicht leicht

Das ist doch mal eine Überschrift, oder? 😉

Ich arbeite in einem Krankenhaus, nicht als Krankenschwester, sondern auf einer Funktionsabteilung (sprich in der Radiologie). Wie jeder weiß, gibt es in Krankenhäusern Ärzte. Es wimmelt dort geradezu von ihnen. Wie vielleicht nicht jeder weiß, sind diese Ärzte gehalten, Fortbildungspunkte zu sammeln. Sie müssen damit quasi belegen, dass sie nicht einfach nur vor unendlich langer Zeit studiert haben, sondern sich auch jedes Jahr weiterbilden oder wenigstens auf dem neuesten Stand bleiben. Dafür gibt es verschiedene Fortbildungsveranstaltungen, die meisten irgendwo in schönen oder interessanten Gegenden (unsere Ärzte fliegen einmal im Jahr nach Chicago oder nach Garmisch-Partenkirchen zum Skispringen äh um sich fortzubilden), einige finden aber auch in unserer Klinik statt und dort werden dann auch wir Normalsterblichen hinbeordert. Ja, man möchte, dass auch wir ab und zu an unserer Intelligenz arbeiten. Das Thema diese Woche war: Burnout – Folgen und wie man es vermeidet Das war wirklich interessant, vor allem, weil der Vortrag von einer Psychologin gehalten wurde, die dafür extra herbestellt worden war. Sie arbeitete also nichtbei uns im Krankenhaus, sondern war wirklich jemand, der sich im täglichen Leben mit der Materie beschäftigt.

Zu den Folgen möchte ich hier nicht viel erzählen, ich denke, die kann sich jeder selber denken. Das „Wie man es vermeidet“ dagegen, fand ich interessant. Die Expertin empfahl u.a. Yoga und Meditation. Einer unserer Oberärzte, ein super lieber Mann, ist übergewichtig und kurz vor seinem Ruhestand. Er meinte ganz trocken, er macht jeden Morgen Yoga, wenn er seine Schuhe anzieht ohne dabei umzufallen. (Leichtes Kichern auf unserer Seite, wir konnten uns das bildlich vorstellen) Seine Kollegin, jung und noch Assistenzärztin, fügte hinzu, dass er öfter mit geschlossenen Augen meditiert und sogar die empfohlene Atmung würde er gut hinbekommen. Es erinnert nur ein wenig an Schnarchen. (Unser Kichern wurde lauter…)

Als Nächste empfahl die Expertin dann „abzuschalten“. Wenn man den Kopf nicht von der Arbeit lösen kann, sollte man doch einen Spaziergang in der Natur unternehmen (an dem Morgen regnete es gerade sinnflutartig…), oder seinen Kopf mit anderen Dingen beschäftigen, z.B. einem guten Buch, Musik, einem Film im Kino etc.

Und da komme ich zur Überschrift für diesen Eintrag. Während die Fortbildung von da an irgendwie zu einem langweiligen Rumgequatsche wurde, fingen in meinem Kopf die Räder an sich zu drehen. Was machen eigentlich Künstler, wenn sie sich einem Burnout nähern? Wie können die entspannen? Wie schalten sie ihren Kopf ab? Wir alle, als angehende Schriftsteller, Musiker, Zeichner, Sockenstricker, Tortenbacker, Gartengestalter usw. sind doch im Grunde unseres Seins Künstler. Dinge zu erschaffen, ist glaube ich, eine Grundeigenschaft des Menschen. In meinen Augen ist es, neben dem Daumen, der grundsätzliche Teil, der uns vom Affen unterscheidet (obwohl ich die Sache mit dem Daumen echt nicht verstehe. Affen haben doch auch Daumen! Egal…) Ein jeder von uns erschafft also irgendwie und irgendwann etwas oder er möchte es auf jeden Fall tun. Wir sitzen quasi im selben Boot und rudern nur in verschiedene Richtungen. Wenn aber das gefürchtete Burnout hinter der nächsten Weggabelung auf uns zurutscht, dann können sich einige von uns ganz entspannt zurücklehnen, beim Schuhe zubinden Yoga machen oder ein gutes Buch lesen, während andere von uns ein echtes Problem haben.

Mit diesen Anderen meine ich: Autoren. Schon mal versucht einem Autoren zu sagen: „Entspann Dich doch mal, lies ein gutes Buch!“ ohne diesen fiesen Blick entgegen geworfen zu bekommen? Oder zu sagen: „Komm, lass uns mal abschalten, wir gehen ins Kino?“ und auch da kommt dieser fieser Blick, der sagt „Ach, und wo schalte ich da ab?“ Und wer jetzt glaubt, ich übertreibe, der irrt sich! Ich bin nämlich nach dieser Fortbildung zur Psychologin und habe sie gefragt, ob sie nicht nur Unternehmen und Krankenhäuser, sondern auch Selbstständige betreut.
Es stellte sich heraus, dass sie in Hamburg einen Musiker in ihrer Gruppe hat und in Berlin (die Frau kommt echt rum) einen Journalisten. Sie nannte keine Namen oder sonst irgendwas woran ich hätte erkennen  können, um wen es sich handelt, aber das war auch nicht wichtig. Wir haben uns dann noch ganz nett unterhalten und sie hat genau das gesagt, was ich auch gedacht habe. Beide Männer hatten vor einiger Zeit das Burnout-Problem und sie als ihre Therapeutin hat versucht, ihnen da durch zuhelfen. Aber die üblichen Methoden (Yoga oder Sport, Meditation, Wellness, Ablenkung) waren sehr schwer für diese beiden Männer umzusetzen.
Der Journalist sprach auf Joggen an, aber selbst während er lief, hatte er Mühe nicht an den letzten Artikel zu denken.
Der Musiker war ein begeisterter Teamsportler, aber eigentlich hatte er aus Abgabegründen keine Zeit zum Training zu gehen.
Sie empfahl beiden die Sache mit dem guten Buch in der Annahme, dass nur 15 Minuten Ablenkung täglich schon mal eine gute Sache waren. Der Journalist suchte sich Fachliteratur, alles andere empfand er als Qual. Der Musiker ging in eine Buchhandlung und fand sofort einen Roman, der ihn interessierte, nur ging es darin um ein lange verschollenes Musikstück und die Entstehungsgeschichte dazu. Es war zwar ein Roman, aber irgendwie auch Arbeitsmaterial.
Sie schickte beide ins Kino, und hörte anschließend, dass der Musiker sich über die Vertonung Gedanken machte und der Journalist sich fragte, wie Szenen umgesetzt worden waren.
Schlussendlich brachte sie beide Männer in ihre Burnout-Selbsthilfegruppe unter, wo sie einmal die Woche mit anderen über alles mögliche reden konnten. Es war vielleicht nicht ideal, aber sie fand keinen anderen Weg, den Kopf der Beiden auszuschalten.

Nach diesem Gespräch hatte ich einen normalen Arbeitstag, aber das Thema beschäftigte mich weiterhin. Auf der Fahrt mit dem Zug nach Hause, hatte ich es dann aber weitgehend verdrängt, nahm mir den Roman, den ich gerade las und begann mich zu entspannen. Von der Arbeit in der Klinik abschalten, konnte ich ohne Probleme, aber schon begann ich zu analysieren, was der Autor wie gemacht hatte, um welche Reaktion bei mir, dem Leser zu erreichen. Und ich war wieder beim Abschaltethema…
Seit Mittwoch (Tag der Fortbildung) bin ich also am Möglichkeiten suchen, um abzuschalten.
Ich schreibe meine Geschichten. Wenn ich im Zug sitze oder abends komplett erschlagen, schon mit winzig kleinen Augen, auf der Couch, lese ich oder schaue TV. Bei beiden Dingen analysiere ich sofort, manchmal bewußt, manchmal fällt es mir nicht mal auf.
Ich zeichne gerne. Aber noch während ich das mache, frag ich mich, wie ich einen besseren Effekt erzielen kann. Ich schaue mir Bilder von anderen Zeichnern an und analysiere auch diese.
Gestern wollte ich, aus diesen Gedanken heraus, mal etwas komplett anderes machen und bin in den Garten gegangen, um Unkraut zu zupfen und danach im Gartenmarkt nach neuen Pflanzen zu schauen. Und schon ertappte ich mich, wie ich in die Gärten meiner Nachbarn schielte, um zu sehen, was sie wohin gepflanzt hatten, wie die Wirkung war und was mir gefiel. Selbst beim Rausziehen von dämlichen Unkraut analysiere ich!

Verflixt nocheins!

Beim Yoga analysiere ich zum Glück nicht. Das kann ich nämlich so schlecht, dass immer eine Lern-CD mitläuft, die mir erzählt, was ich wann wie machen soll und damit bin ich voll und ganz beschäftigt. Ich weiß nicht, ob das zur Entspannung beiträgt, aber immerhin frage ich mich nicht, wie der Mechanismus ist.

Wie sieht das bei Euch aus?
Habt Ihr eine Möglichkeit gefunden, bei der ihr komplett abschalten könnt?
Oder geht es Euch wohlmöglich ganz anders und Ihr könnt die Bücher anderer Autoren tatsächlich nur so lesen, ohne sie zu untersuchen, die Bilder anderer Künstler einfach bewunden und die Musik wirklich nur hören und genießen?

Erzählt doch mal!

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4 Antworten zu “Burnout-Seminar – oder Künstler haben’s echt nicht leicht

  1. Ich tagträume – hardcore, da könnte z. B. eine Bombe neben mir explodieren, ich bin dann komplett weg. Hilft mir auch beim Einschlafen, wenn dann doch mal zuviel im Kopf rumschwirrt.

  2. Ich schalte beim Schreiben ab. Klingt komisch, ist aber so 🙂 Wenn ich wirklich in einer Szene drin bin, nehme ich nichts mehr um mich wahr, bin in meiner eigenen kleinen Welt und tauche daraus erfrischt wieder auf.
    Ansonsten klappt bei mir Musik toll (dabei komme mir oft Schreib-Ideen, was ich aber nicht als Belastung empfinde) oder eine Runde im Wald (da darf die Muse immer ihre neuen Ideen pitchen).
    Was mich am meisten entspannt, und zwar tiefenentspannt, ist Wasser. Also nicht die Badewanne, das reicht leider nicht, aber ein See, das Meer oder zur Not auch eine Therme entspannen mich bis in die Haarspitzen. Ich bin an einem See aufgewachsen und verbinde damit glückliche Kindheitserinnerungen.
    Den Hund streicheln finde ich auch sehr relaxend, aber das kann ich nicht stundenlang machen, weil der Hund sich irgendwann trollt.

    • Ich könnte da meine Hündin anbieten. Ehe die freiwillig auf Streicheleinheiten verzichtet, geht die Welt unter 😉
      Was ich meinte, ist, gibt es Möglichkeiten, die einen nicht wieder zur Arbeit verleiten? Musik inspiriert mich- was ja dann auch wieder zur Arbeit wird. Lesen wird automatisch zum Nachsehen, wie etwas gemacht wurde. Selbst TV ist da irgendwie Recherche.
      Schwimmen habe ich noch nie probiert

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