Editiergedanken zu „The Shadows“ von J.R. Ward

Nein, keine Angst, ich werde jetzt keine 566 Seiten auseinanderpflücken!

Trotzdem fühle ich mich genötigt 😉 einen kleinen Blick auf ein, zwei Absätze zu werfen. Ich werde Euch danach auch verraten, warum.

Erstes Beispiel (stammt direkt aus dem Prolog, komplett der Anfang des Buches):

The footprints he left on the white marble were red. Red
as a Burmese ruby. Red as the core of a fire. Red as the
anger in his marrow.
The blood was TrezLath’s own, but he felt no pain.
The murder weapon he’d just used, a sterling silver
paring knife about as long as his hand and as narrow
as his forefinger, was still in his palm. It was dripping,
but…

Zweites Beispiel (Anfang vom ersten Kapitel):

There was no knock. The door to the office just flew
open like someone had hit it with C4. Or a Chevy. Or
a –
Trez „Latimer“ looked from the paperwork on his
desk. „Big Rob?“
–cannonball.
As his security second in command stuttered and
went into all kinds of hand flapping, Trez glanced over
his shoulder at the twenty-by-ten-foot one-way mir-
roro behind all his Captain Kirk, command central.
Down below, his new glub was poppin‘, humans mill-
ing around the converted warehouse’s open floor
space, each one of the poop sick bastards representing
a couple of hundred dollars of profit, depending on what
their vice was and how much of it they needed to juice
up.

Nicht, dass Ihr denkt, warum schreibt sie das so komisch, ich habe die Absätze exakt so aus dem Buch übernommen. Ich habe das Buch nur als ebook, insofern weiß ich nicht, ob das gedruckte Teil genauso aufgebaut ist, aber hier fiel es mir eben auf.

In Editierratgebern 😉 steht, man solle den 1. Absatz streichen, weil man den quasi zum Reinschreiben benötigt, er aber für die Handlung nicht wichtig ist. Ich gehe hier davon aus, dass Warden das getan hat.
In diesen Ratgebern steht aber auch, dass man Passivsätze vermeiden sollte. Dinge wie „Die Tür wurde eingetreten“ sollten durch „Die Polizei trat die Tür ein“ ersetzt werden. (werft mal einen Blick auf den ersten Satz im Prolog).
Wiederholungen sollten vermieden werden, dazu zählen Wortwiederholungen und Inhaltswiederholungen. Satz 1,2,3 und 4 im Prolog.
Lange Sätze (über 3 Zeilen) sollten in kurze aufgeteilt werden, weil diese den Leser stören. Der 6. Satz im Prolog???

Dieselben Punkte könnte man für den Beginn des 1. Kapitels aufzählen. Auch hier gibt es viel zu lange Sätze, Wortwiederholungen und Passivsäte und wenn man einmal auf soetwas aufmerksam geworden ist, dann liest man ein Buch und findet diese Dinge ständig!

Meine unwillkürliche Frage war: „Wie zum Teufel ist das Buch durch einen Lektor gekommen? Hatte sie niemanden, der das Buch wirklich gelesen hat?“

Und dann war ich auf Seiten 30 oder 40 und es war mir komplett klar, wie das Buch mit solchen „Editierschwächen“ rausgegeben werden konnte: Weil es einfach nur grandios gut und genial geschrieben ist!
Ich bin mir 100% sicher, der Lektor hat ab diesen Seiten nicht mal mehr Rechtschreibfehler wahrgenommen (ich übrigens auch nicht, sollten also welche drin sein, könnte ich nichts dazu sagen).

Gerade die Dinge, die man in seinen eigenen Büchern ausmerzen soll, fallen mir hier im Buch nicht mal auf, geschweige denn, dass sie mich stören. Lange Sätze gibt es massenhaft. Unterhaltungen in denen Dinge wiederholt werden, die der Leser schon drei Seiten vorher viermal gehört hat, sind die Regel.
Und was soll ich sagen?
Das Buch ist trotzdem eines der Besten, die ich je gelesen habe. Am Ende war mir das Hauptpaar zwar immer noch nicht sympathisch, aber ich habe trotzdem für 100 Seiten 2 Stunden gebraucht, weil ich so verheult war, dass ich nichts mehr lesen konnte.

Das ist dann auch der Grund, warum ich diesen Eintrag mache. Meine atemberaubende Erkenntnis sozusagen:

Sich an Editierregeln/-hilfen halten müssen nur die Autoren, die es beim puren Schreiben nicht schaffen, ihre Leser so zu fesseln, dass ihnen alles andere egal ist.
Fängt man seine Leser jedoch, darf man sich auch alles andere erlauben.

Das macht doch Mut, oder?

Jetzt muss ich also nur noch das Fangen üben!

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2 Antworten zu “Editiergedanken zu „The Shadows“ von J.R. Ward

  1. Nicht umsonst heißt es überall: Kenn die Regeln, um sie zu brechen.
    Es kommt immer darauf an, wie man es macht. Wenn das Buch fesselt, kommt man sogar mit Passiv-Sätzen und einem Wulst an Adjektiven durch.
    Wenn du weißt, wie das mit dem Fangen geht, erwarte ich hier einen aufklärenden Blogpost 😀

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