Die Schneeflockenmethode

Es ist die Zeit des Vor-NaNos 🙂 und wie immer um diese Zeit, plage ich mich mit den Versuchen herum, meine Geschichte dieses Mal endlich richtig zu planen aka zu plotten.

Dazu habe ich mir eine Methode ausgesucht, über die ich mal vor Jahren gestolpert bin, die ich aber noch nie richtig probiert habe. Ich dachte mir einfach, ob ich nun gar nichts mache und wieder planlos in das Abenteuer hereinschliddere oder ob ich es mal mit plotten versuche und dann wohlmöglich von meiner Geschichte so genervt bin, dass ich zwei Minuten vor Mitternacht auf eine andere Storyidee umwechsel, macht doch eigentlich keinen großen Unterschied. Ich kann nicht verlieren. Im Gegenteil, mit Glück habe ich danach eine bessere Geschichte und all meine Plotlöcher von dem Teil davor begegnen mir nicht wieder.

Also stürzte ich mich diese Woche auf die Schneeflockenmethode (die ja sicherlich jeder kennt, oder?). Falls es noch uneingeweihte Besucher dieses Blogs gibt, die Methode läßt den Autoren seine Geschichte quasi von Innen heraus durchdenken. Wichtig sind kurze, knappe Sätze (etwas, was mir überhaupt nicht liegt) und schon entdeckt man wichtige Elemente der Geschichte, die man vorher gar nicht gesehen hat. Im Tintenzirkel Forum hat mal jemand die Übersetzung der Idee von Randy Ingermanson gepostet und ich übertrage den wichtigen Teil mal hierher:

Schritt 1:
Nimm dir eine Stunde Zeit und schreib einen Satz, der die Handlung deines geplanten Buches zusammenfasst. Klar, nicht jedes Detail wird zur Sprache kommen, aber das große Motiv sollte klar erkennbar sein.
Beispiel: Ein junger Prinz wird um sein Erbe gebracht und macht sich auf den Weg, Königreich und Krone für sich zurückzuerobern.
Der Satz sollte nicht zu lang sein, je kürzer er ist, umso besser! Benutze keine Namen für deine Charaktere, auch keine Platzhalter. Was der Charakter ist sagt mehr aus, als Wer er ist! Konzentriere dich dabei auf den Charakter, der der Protagonist sein wird, der am meisten zu verlieren, aber auch am meisten gewinnen kann.
Dieser Satz wird das Leitmotiv sein und dich die gesamte Planung hindurch begleiten.

Schritt 2:
Nimm dir eine weitere Stunde und erweitere den einzelnen Satz auf 5 Sätze. Geh dabei nach folgendem Schema für die Sätze vor:
Der erste Satz beschreibt die Ausgangssituation, die folgenden drei Sätze beschreiben Punkte, die der Handlung einen Wende geben, Satz 5 schließlich beschreibt das Ende des Buches.
Wir haben es hier also mit einem klassischen Fünfakter zu tun, wer will, kann auch mit drei Akten arbeiten, je nach Gusto.
Beispiel: Der Prinz ist der rechtmäßige Erbe eines Königreiches. Am Tag seiner Krönung kommt es jedoch zu einem Putsch und er flieht zusammen mit seiner Mutter ins Exil. Als seine Mutter stirbt, bereitet der Prinz mit ein paar Getreuen seine Rückkehr vor. Einer seiner Freunde verrät den Prinz und kurz vor Erreichen seines Ziel landet er im Kerker. Er kann fliehen, stellt die Thronräuber und den Verräter und gewinnt sein Königreich zurück.

Schritt 3:
Man hat jetzt schon einen groben Überblick über die Geschichte, nun braucht man Personal, um sie mit Leben zu füllen. Charaktere sind sehr wichtig für die Geschichte, daher nimm dir entsprechend Zeit, um sie auszuarbeiten. Beginne für jeden Charakter eine neue Seite und arbeite folgende Punkte ab:
– Name des Charakters
– Ein-Satz-Zusammenfassung der Geschichte des Charakters (siehe Schritt 1)
– Die Motivation des Charakters (Gerechtigkeit, Liebe, Freundschaft etc.)
– Das Ziel des Charakters (Der Prinz will sein Königreich zurück)
– Was hindert ihn daran, sein Ziel zu erreichen? (Personen, Umstände, Gefühle etc.)
– Die Konsequenz (was lernt der Charakter, wie verändert er sich persönlich/emotional etc.)
– Die Fünf-Sätze-Zusammenfassung der Geschichte des Charakters (siehe Schritt 2)
Wenn sie aus diesen Beschreibungen Änderungen für die Geschichte ergeben, ändere sie auch entsprechend in Schritt 1 und Schritt 2. Das kannst du an jedem Punkt der 10 Schritte machen, Änderungen ergeben sich ja quasi von selbst und man sollt sich und seine Kreativität nicht in ein Korsett quetschen, nur weil der bisherige Plan anders aussah. Es ist besser, schon jetzt Änderungen einzuarbeiten als während des eigentlichen Schreibens, was meist mit wesentlich mehr Arbeit verbunden ist …

Schritt 4:
Nimm die Zusammenfassung aus Schritt 2) und mach aus jedem der 5 Sätze einen Absatz, der 5 Sätze hat. Achte darauf, dass jeder dieser Absätze in einer „Katastrophe“ endet, an einem Wendepunkt der Geschichte. Der Letzte Absatz erzählt das Ende des Buches.
Du hast jetzt schon ein ziemlich gutes Grundgerüst für deine Geschichten und neue Ideen, die du in die vorangegangen Schritte einarbeiten kannst. Nimm dir entsprechend Zeit dafür und ändere auch mal den Plan, wenn er dir besser erscheint.

Schritt 5:
Nimm die Charakter-Übersicht aus Schritt 3 und beschreibe die Handlung aus der Sicht des entsprechenden Charakters. Somit wird sie für dich besser nachzuvollziehen. Für jeden Hauptcharakter schreibe ungefähr eine Seite, für Nebencharaktere reicht ein halbe Seite. Wenn sich Änderungen ergeben, arbeite sie auch diesmal ein. Lass dir dazu einen oder zwei Tage Zeit.

Schritt 6:
Nimm die aus Schritt 4 geschriebenen Absätze und erweitere jeden Absatz zu ein kompletten Seite. Das kann ruhig eine Woche dauern. Du wirst sehen, deine Geschichte wird immer detaillierter und nimmt Gestalt an, sollten sich logische Fehler einschleichen, wirst du sie jetzt früh genug bemerken. Du kannst frühzeitig reagieren und Änderungen nach wie vor einarbeiten.

Schritt 7:
Lass dir eine weitere Woche Zeit und kümmere dich nun um die Charakterbeschreibung aus Schritt 3. Verwandel sie in ein vollständiges Charakterblatt und erweitere sie um alle Details, die dir über diesen Charakter bekannt sein. Das können Aussehen, Geburtsdatum, Vergangenheit etc. sein. Lege besonderen Wert auf die Veränderungen, die der Charakter vom Anfang der Geschichte hin zum Ende durchmacht.

Schritt 8:
Die Handlungszusammenfassung aus Schritt 6 unterteilst du jetzt in Szenen und arbeitest sie in eine Tabelle um. Lege jeweils eine Spalte für den Charakter an, aus dessen Perspektive du erzählst und eine für die Handlung. Du kannst noch mehr erstellen, zum Beispiel für den Ort der Handlung, die Zeit, das Ziel der Szene, die Motivation … . Leg so viele Spalten an wie du brauchst! Jetzt sollte die Handlung überschaubar vor dir legen und Änderungen lassen sich durch verschieben der Szenen einfach bewerkstelligen. Änderungen kannst du nach wie vor einarbeiten.

Schritt 9:
Öffne für jedes Kapitel, das du schreiben willst ein neues Dokument und schreibe für die Szenen aus Schritt 8, die darin enthalten sein werden, einen Absatz. Hier kannst du auch schon coole Dialoge einfügen, wenn sie dir durch den Kopf schwirren, füg hinzu, was dir einfällt … Wichtig ist: jede Szene sollte Konfliktpotenzial haben, tritt kein Konflikt auf oder bahnt sich wenigstens an, arbeite die Szene um oder streiche sie komplett!

Schritt 10:
Jetzt geht es mit der eigentlichen Schreibarbeit los! Du hast jetzt einen Plan, ausgearbeitete Charaktere, eine Übersicht über jede Szene und jedes Kapitel. Leg dir alles zurecht und fang an, das Buch zu schreiben!

Wer jetzt denkt, die Planung würde die Kreativität töten, nein, das ist nicht der Fall. Zumindest wenn du nicht schon jedes Detail in deiner Handlung ausgearbeitet hast. Klar, du weißt, in der dritten Szene in Kapitel 4 wird der Held gefangen genommen und kann erst am Anfang des nächsten Kapitels fliehen. Aber WIE er das anstellt, hm, keine Ahnung bis hierhin … finde es heraus! Die Methode soll dir nur einen möglichst genauen Überblick über den Handlungsverlauf verschaffen und verhindern, dass du dich während des eigentlichen Schreibprozesses verzettelst und nicht weißt, wohin der Weg dich führt.
Natürlich ist diese Methode nicht die ultimative Wahrheit und jeder muss selbst herausfinden, ob sie ihm hilft oder nicht. Selbst wenn das Endprodukt anders ausfällt als geplant, so hat man sich schon in einem sehr frühen Stadium mit der Geschichte auseinandergesetzt und intensiv mit der Handlung auseinandergesetzt. Hat man erstmal 500 Seiten geschrieben und dann gemerkt, dass nichts zusammenpasst und große Logiklücken im Text sind, ist es schwieriger, alles nachträglich anzupassen als „nach Plan“ zu schreiben.

Wer will, kann diese Methode seinen eigenen Bedürfnissen anpassen und abwandeln, immerhin gleicht keine Schneeflocke der anderen und jeder kann (oder sogar muss) seine eigene Schneeflocke gestalten.

 

Wie Ihr seht, gibt es ein paar sehr detaillierte Anweisungen und gleichzeitig Lücken. Es gibt sehr genaue zeitliche Vorgaben und dann einen undeutlichen Zeitrahmen. Gerade ein paar der zeitlichen Vorgaben behagen mir nicht so ganz (warum soll ich unbedingt eine Stunde brauchen, um einen Satz zu formulieren?), andere finde ich sehr gut.

Für den 5.ten Teil meiner Geschichtenreihe habe ich mich jetzt also auf diese Punkte gestürzt und aus Zeitmangel bisher nur Punkt 1 – 2 erledigt (natürlich nicht innerhalb von zwei Stunden *augenroll*). Heute habe ich mir nun Aufgabe Nr. 3 vorgenommen und erstaunliches festgestellt. Plötzlich stellte sich mir die Frage, wieso mein Held in bestimmten Szenen so und nicht anders reagiert, und als ich schon mal dabei war, fiel mir plötzlich auf, dass ich keinerlei Ahnung hatte, was überhaupt seine Grundintention ist. Ich meine, der Mann (eigentlich noch Junge zu dem Zeitpunkt) stürzt auf einer fremden Welt ab, er ist umgeben von Feinden und hat keinerlei Chance nach Hause zurückzukehren. Wie soll er da reagieren? Und warum?
Bisher habe ich da nie drüber nachgedacht. Ich an seiner Stelle hätte mir wahrscheinlich zuerst ins Höschen gemacht und wäre dann schreiend von einer Klippe gesprungen. Ich bin allerdings auch ein Angsthase.
Mein Held dagegen ist das nicht. Im Gegenteil. Aber warum zum Geier macht er weiter? Er hat keine Chance nach Hause zu kommen, ist sozusagen am Boden der Nahrungskette und noch tiefer geht es echt nicht, und trotzdem gibt er nicht auf. Trotzdem kämpft er weiter. Warum?
Und warum ist mir in all den Jahren noch nie aufgefallen, dass mir da eine Erklärung zu fehlt???

Inzwischen habe ich sie natürlich. Ich habe mir einfach den guten alten Navy CSI Gibbs zum Vorbild genommen und beschlossen, dass, wenn die Marines keinen Mann zurücklassen, dass dann auch mein Held der Meinung sein kann, dass jeder zurückgelassene Mann irgendwie zurückkehren muß. Aufgeben gibt es einfach nicht.
Und schon habe ich mit dieser Erkenntnis eine neue Sichtweise auf den Charakter meines Helden bekommen. Mir sind sofort ein paar wage Szenen eingefallen, die gut in diese Beschreibung passen würden und eigentlich könnte es jetzt sofort November sein.

Gleichzeitig ist mir aber noch etwas aufgefallen. Ich habe die ganzen Jahre über ein Bild von diesem Helden gehabt, möglicherweise fehlen ein paar Puzzleteilchen zu dem kompletten Bild, aber ich kann es gut erkennen.

Was sein Gegenstück angeht, habe ich allerdings keinen Plan!

Ich weiß, wer sie ist, dachte ich bisher. Ich weiß, wie sie heißt, dachte ich bisher. Und ich weiß, wie sie aussieht, dachte ich bisher.
Von diesen drei Gedanken bin ich jetzt lediglich bei dem Aussehen geblieben. Der Rest wurde gerade kritisch beäugt und für nicht vorhanden befunden. Ich werde also morgen meine drei stündige Busfahrt (zur Arbeit hin und von der Arbeit wieder nach Hause) nutzen, um mir gründliche Gedanken über meine Heldin zu machen, und wenn ich schon einmal dabei bin: Vielleicht fällt mir eine etwas bessere Beschreibung für den Bösewicht ein? Einfach nur „Ist böse und kriegt am Ende eines auf die Nase“ klingt auf einmal nicht mehr zufriedenstellend…

Soviel zum Plotten von mir.

Habt Ihr Erfahrungen mit der Schneeflockenmethode?

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2 Antworten zu “Die Schneeflockenmethode

  1. Ich arbeite dieses Jahr auch das erste Mal mit der Schneeflockenmethode und bin bis jetzt ebenfalls ziemlich überrascht worden.
    Ich habe festgestellt, dass die Absichten und Charakterzüge meiner Charaktere sehr viel ausgereifter und sinnvoller sind als es mir bis jetzt immer geglückt ist. Außerdem habe ich schon jetzt das Gefühl mich besser mit meiner Geschichte auszukennen (bin gerade bei Schritt 5).
    Bis jetzt gefällt mir die Methode also sehr gut! Allerdings werde ich wohl erst sehen wie gut sie funktioniert, wenn ich tatsächlich mit dem Schreiben anfange, also Anfang November. Hoffentlich hält die Methode dann was sie bis jetzt verspricht 🙂

    • Das ging mir bis jetzt genauso!
      Vor allem meine „Bösen“ werden plötzlich viel dreidimensionaler. Bisher hatte ich immer Schwierigkeiten zu verstehen, warum meine Bösen auf bestimmte Weise reagieren, aber jetzt durch diese Charakterbilder haben sie plötzlich einen Hintergrund und ich könnte fast auf ihrer Seite stehen 🙂
      Es sind nur noch 14 Tage bis November!
      Ich kann es kaum noch erwarten und habe gleichzeitig das Gefühl, ich wäre mit dem Planen noch nicht fertig. Da hatte ich das die Jahre vorher echt einfacher!

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