Get unreal – Tag 1

Der Schreibprompt stammt aus dem Buch „Write starts“ von Hal Zena Bennett. Es ist kein Schreibratgeber, sondern ein Buch, das einem ohne viel Drumrum Schreibprompts liefert, mal in Form von Zitaten, mal in Form von Geschichtenanfängen. Es soll dazu dienen, möglichst schnell seine eigene Kreativität ins Laufen zu bringen, ein Jump Start sozusagen 🙂

Der Prompt „Get unreal“ führt einen Vergleich mit Franz Kafka an den Start. Es geht um eine Geschichte, in der der Hauptdarsteller eines Morgens aufwacht und sich als Käfer vorfindet. Natürlich kann keiner von uns so etwas erleben. Es ist absolut „unwirklich“. Die Aufgabe war, etwas ebenso Unwirkliches zu schreiben. Sei es ein plötzliches Leben als Tier oder auf einer fremden Welt oder irgendsoetwas.

Die nachfolgende Kurzgeschichte ist das, was mir als Erstes dazu einfiel. Nicht weltbewegend, aber immerhin. Leider auch kein Ende. Vielleicht findet jemand anderes eins?

(oh, aus logischen Gründen natürlich nicht Beta-gelesen. Wer sich also wie ein Schneekönig über Rechtschreibfehler freut, wird seine helle Freude haben)

 

Get unreal

Das Erste, was ihm auffiel, war die absolute Stille um ihn herum.

Normalerweise konnte er einen Zug in der Ferne hören, mit Glück ein paar Vögel im Garten und vielleicht sogar die zuschlagende Autotür des Nachbarn. Heute jedoch, war es still. Zu still.

Er blieb einen Moment mit geschlossenen Augen im Bett liegen und versuchte sich vorzustellen, was wohl passiert sein mochte. Vielleicht war dies auch nur eine Fortsetzung des Traums von letzter Nacht. Er wusste, er hatte irgendetwas Verrücktes geträumt. Aber tat er das nicht immer? Das war einfach etwas, was normal für ihn war. Während andere vom letzten Schulausflug, dem aktuellen Kinofilm oder dem Mädchen von Nebenan träumten, herrschte in seinem Kopf immer nur Chaos und verworrenes Zeug. Seine Mutter hatte ihm mal erklärt, das das eben die Art seines Unterbewusstseins war, sich ihm mitzuteilen, aber so richtig verstanden hatte er es nicht, und gefallen hatte es ihm noch weniger.

Aber es fühlte sich nicht so an, als wenn er noch träumen würde. Im Gegenteil. Er war viel wacher als sonst am Morgen. Er konnte seinen Herzschlag spüren, laut und hektisch, fast ein wenig panisch, und etwas kitzelte ihn an dem nackten Fuß, der aus der Bettdecke hervorlugte.

Die Stille machte ihn nervös.

Wo war das Radio in der Küche, das seine Mutter immer als Erstes anmachte? Wo seine nervige, kleine Schwester, die jeden Morgen so fröhlich und aufgedreht herumrannte? Wo der Hund vom Nachbarn, der seinem Herrchen hinterher bellte?

Schließlich hielt er es nicht mehr aus und schlug die Augen auf.

Es war dunkel um ihn herum. Rabenschwarz. Im ersten Augenblick glaubte er, es wäre noch zu früh zum Aufstehen. Wahrscheinlich waren deshalb noch alle still. Wer weiß um wie viel Uhr er wach geworden war?

Er drehte sich rasch auf den Bauch und versuchte den kleinen Radiowecker, der hinter seinem Kopfkissen auf dem Regal stand zu sehen.

Doch da war nichts hinter ihm. Nichts, außer anhaltende Schwärze.

Er streckte die Hand aus, sicher, dass das Kopfkissen den Wecker verdeckte, doch während er versuchte das Kissen beiseite zu schieben, merkte er, das da gar kein Kissen mehr war. Kein Kissen und keine Bettdecke. Kein Bett.

Lag er überhaupt?

Er konnte es nicht mehr sagen. Da war ein Kitzeln an seiner Fußsohle, das war das Einzige, was er spürte.

Nein, sein Herzschlag war noch da. Lauter diesmal, und eindeutig panischer.

Was zum Teufel war passiert?

Wo war er?

Er streckte eine Hand aus und versuchte sich umher zu tasten, doch bis auf die Tatsache, dass er wusste, dass er es tat, konnte er nichts spüren. Weder die Umgebung, noch seine Hand. Sein Verstand schrie ihm zu, dass da irgendein Widerstand kommen musste, irgendwas, aber seine Hand fühlte nur Leere. Kühle, widerstandslose Leere.

Mittlerweile keuchte er. Er wusste es, aber er hörte es nicht. Er konnte spüren, wie sich sein Brustkorb hob und senkte, oder bildete er sich das ein?

Seine Hand berührte seinen Mund. Er schrak zusammen, erschrocken darüber, dass er wusste, es war seine Hand, aber er hatte nicht geahnt, dass das passieren würde. Dann wieder ganz erleichtert und glücklich. Er spürte seine Lippen unter den Fingern, seinen Mund. Aber keinen Atem. Atmete er nicht mehr? Erklärte das alles? War er tot? Und wenn ja, wieso? Und wann? Was war passiert?

Sein panischer Herzschlag wurde kräftiger und schmerzhafter. Er hatte nicht gewusst, dass ein Herzschlag weh tun konnte, aber jetzt spürte er es. Tatsächlich war sein tobendes Herz das Einzige, was er spürte. War seine Hand nicht eben noch auf den Lippen gewesen? Wieso fühlte er nicht, wie er seinen Arm bewegte?

Was zum Teufel war geschehen?

Er wusste, er schrie.

Er musste es einfach tun. Lautstark und panisch.

Falls sich jemand in seiner Nähe aufhielt, dann würde er ihn hören müssen. Er würde ihn gar nicht überhören können. Wenn es etwas gab, was er gut konnte, war es schreien. Definitiv.

Aber niemand kam, und erschreckender weise hörte er sich auch selber nicht. Als wenn er doch nicht schrie.

Er wusste nicht mal mehr, ob er noch lag oder stand oder vielleicht auch lief. Er wusste gar nichts mehr, nur das es dunkel war. Und still. Gruselig.

Die Zeit schien still zu stehen. Er wusste nicht mehr, wie lange vergangen war, seit er aufgewacht war. War er das überhaupt? War dies vielleicht einfach nur ein weiterer seiner verrückten Träume?

Ja, das musste es sein. Er träumte noch. Ganz sicher. Er lag tief und fest in seinem Bett und schlief.

Er spürte, wie er sich ein wenig beruhigte. Seine Träume waren immer verrückt und völlig unlogisch. Wahrscheinlich hatte er am Abend zuvor zuviel Süßes gegessen oder war da nicht ein Streit mit seiner Schwester gewesen? Er erinnerte sich nicht mehr genau. Das war seltsam. Normalerweise konnte er sich so was immer gut merken. Aber jetzt war es, als wenn sein Kopf ebenso leer war wie seine Umgebung.

Der Gedanke machte ihn wieder nervöser. Es konnte doch nicht sein, dass er einen Streit mit seiner Schwester einfach so vergessen hatte. So oft stritten sie gar nicht miteinander. Jedenfalls seltener als seine Freunde es mit ihren Geschwistern taten. Also musste es einen wichtigen Grund gegeben haben. Aber welchen? Und warum hörte sie ihn jetzt nicht schreien?

Vielleicht schrie er gar nicht?

Er probierte es erneut. So laut er konnte. Er konnte spüren, wie sich sein Hals zusammen zog. Etwas passierte definitiv, aber er konnte keinen Ton hören. Nichts.

Wie er auch nichts spüren konnte. Keine Bettwäsche an seiner Haut, nicht mal die Schlafanzughose, die er vor dem Schlafen angezogen hatte. Sie hatte auf der Haut gekratzt. Jetzt fühlte er gar nichts.

Was zum Teufel war passiert?

 

Ende

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s