Archäologe, Architekt oder Maler?

Zur Abwechslung mal ein paar Gedanken zum Thema : Was für Arten von Schriftstellern gibt es

 

Der Archäologe

Ich habe eine Theorie, die Stephen Kings „Geschichten sind Fundstücke“ oder Marion Zimmer Bradleys „Autor sein heißt Medium sein und Geschichten erzählen, die irgendwo anders passieren“ ähnelt.

Möglicherweise sind Geschichten wirklich wie im Sand vergrabene Dinosaurierknochen. Ein archäologischer Autor *lol* gräbt sich vorsichtig daran heran. Er unternimmt verschiedene Probeborungen. Er weiß, daß diese verflixten Knochen hier irgendwo rumliegen, aber er weiß nicht, wie tief oder wo genau. Darum hat er verschiedenes Werkzeug dabei, benutzt unterschiedliche Techniken, arbeitet wie ein Besessener oder stoppt frustriert.

Diese Art von Autor hat die Idee von einer Geschichte. Er hat möglicherweise eine Szene im Kopf, weiß, wie der Hauptdarsteller aussieht oder worum es insgesamt geht. Aber er geht nicht linear vor, wenn er die Geschichte aufschreibt. Er gräbt sie quasi aus dem Sand heraus, legt einzelne Szenen frei oder das Grundgerüst, um es dann mit anderen Mitteln ganz herauszuarbeiten. Er ist selber sein erster begeisterter, überraschter Leser.

Diese Art zu Schreiben kann sehr anstrengend sein, weil man nicht genau weiß, was einen erwartet. Man kann viel ausgraben oder nur ein Bruchstück von Etwas. Man kann tagelang, wochenlang beschäftig sein, oder gerade mal nur eine Stunde. Es ist Erfolgsversprechend oder ein Flop. Am Ende sitzt man möglicherweise davor und wundert sich, was man da gerade vor sich auf dem Bildschirm hat oder man freut sich, das man endlich erreicht hat, wovon man lange träumte.

 

Der Architekt

Er hat einen Auftrag. Ein Kunde hat ihn gebeten, ein Haus, eine Lagerhalle, ein Firmengebäude zu konzipieren. Er weiß um die Grundbedingungen, die Statik, das Besucheraufkommen und er weiß, wieviel Geld er zur Verfügung hat. Er setzt sich an sein Reißbrett und beginnt sorgfältig eine Vorzeichnung. Er entwirft den Rohbau, kontrolliert sich selbst und bespricht das Konzept mit dem Kunden, ehe er die Veränderungen in seine Konstruktion überträgt. Aus der Rohbauskizze wird ein Plan, in dem noch mehr Kleinigkeiten eingetragen werden, die Installation, die Elektronik, die Sicherheitstüren. Der Plan wird immer exakter und schließlich kann er das Haus bauen. Es sieht, ohne Überraschungen, genau so aus wie auf seinem Plan.

Diese Art Autor schreibt vielleicht für eine Zeitung oder eine Anthologie. Vielleicht hat er auch selber Marktforschung betrieben oder sein Agent hat ihm mitgeteilt, welches Genre gerade erfolgsversprechend „im Kommen“ ist. Er beginnt akribisch über bestimmte Aspekte dieses Genres nachzuforschen. In seinem Kopf setzen sich Fakten und Theorien gleichermaßen zusammen. Er beschreibt die Idee seinem Agenten oder formuliert sie nur für sich aus. Dann, unter Einbeziehung sämtlicher Verbesserungsvorschläge, beginnt er die Grundstruktur des Romans niederzuschreiben. Eine Gliederung, die einer Inhaltsangabe ähnelt. Wenn das zu seiner Zufriedenheit erfolgt ist, füllt er das Rahmenskelett mit weiteren Kleinigkeiten aus und das so lange bis die Geschichte beendet ist. Er schreibt vom Anfang bis zum Ende, weiß jederzeit, welche Szene die Nächste ist und hat keinerlei größere Schwierigkeiten zu erwarten. Im Idealfall kann er sogar auf Wochen im Voraus vorhersagen, wann die Geschichte beendet sein wird.

Diese Art zu schreiben, ist, denke ich, wirkliche Arbeit. Sie hat nicht mehr viel mit Inspiration und Begeisterung zu tun, sondern einfach mit reiner Handarbeit. Der Anfang hat dasselbe Feuer in sich wie der Archäologe benötigt, um mit der Grabung anzufangen, aber danach ist es pures Abarbeiten eines vorskizzierten Textes. Es kann fast langweilig sein, aber ist sehr erfolgsversprechend, weil man weiß, daß die Geschiche beendet werden kann.

 

Der Maler

Ähnlich dem Architekten hat der Maler ein Ziel vor Augen. Entweder versucht er einen bestimmten anderen Künstler zu kopieren oder er möchte eine faszinierende Landschaft zu Papier bringen. Er weiß genau, wo er hingehen muß, um dieses Bild zu finden oder diese Landschaft vor Augen zu haben. Dort angekommen stellt er seine Staffelei auf, legt sich seine Lieblingsstifte zurecht und betrachtete das zu zeichnende Objekt. Er beginnt an eine kleinen Stelle, die aber schon Teil eines großen Ganzen ist, das er auch sehen kann. Vielleicht ist er an dieser Stelle oberflächlich, huscht nur durch die Farbe und skizziert Umrisse, aber egal, wie lange er dafür braucht, in der Zeit hat sich das Licht schon wieder geändert und das große Ganze, was er vorher noch gesehen hatte, hat sich ebenso verändert. Aus einem klaren Sommerhimmel kann in Minuten ein wolkenverhangender Abendhimmel werden. Schatten werden länger. Möglicherweise kommt ein Wind auf, der die Bäume bewegt. Menschen oder Tiere laufen durchs Motiv. Das Grundbild bleibt dasselbe und doch hat es sich verändert, egal, wie kurz er an der einen Stelle gearbeitet hat.

Dem malerischen Autoren ergeht es ebenso. Er hat ähnlich dem Architekten einen Plan, was er schreiben möchte. Er kennt Anfang und Ende der Geschichte, sogar die meisten Teile dazwischen, die Beweggründe der Handelnden und die Probleme. Aber dann schreibt er etwas und auf einmal kommt eine weitere Kleinigkeit dazu, die er vorher nicht bedacht hatte. Sie mag für den Gesamtplot des Buches nicht wichtig sein, aber er darf diese neue Entwicklung nicht vergessen. Er schreibt weiter und weiter und immer wieder ändert sich etwas oder wird etwas hinzugefügt. Er muß sein Buch nicht der Reihe nach Schreiben. Ein Maler kann auch erst den linken und dann den rechten Rand mit seinem Motiv ausfüllen. Er kann einen Punkt in der Mitte fokussieren, ehe er sich an den Rand weiter heran arbeitet.

Diese Art zu Schreiben wirkt auf mich wie eine Mischung aus Archäologen und Architekten. Es sind Überraschungen vorhanden, aber auch ein festgesetztes Ende. Man kann schreiben, was man in dem Moment gerade mag, sei es die kitschige Liebeszene aus der Mitte des Buches oder den dramatischen Ausklang. Vielleicht auch nur die nebensächliche Unterhaltung mit dem Mitstreiter. Der Autor kann hin und her springen, wie es ihm beliebt, kann seinen eigenen Stil entwickeln oder den von anderen Autoren zu kopieren versuchen.

 

 

Alles zusammen betrachtet hat jede Art zu Schreiben ihre Vor- und Nachteile.

Vielleicht sollte man alles einmal ausprobieren, um herauszufinden, was einem besonders gut gefällt oder was für diese eine Geschichte die richtige Methode ist. Ich bin mir sicher, Tolkien hat nicht die Archäologen Methode verwandt, sonst hätte er wahrscheinlich Jahrzehnte benötigt, um seinen „Herr der Ringe“ fertigzustellen. Und jeder Krimiautor würde sich die Haare raufen bei dem Gedanken an die Maler-Methode. Oder nicht? Dafür hätte ein Liebesromanautor sicherlich keinen Bedarf am architektonischen Gebilde. Oder doch?

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