Stephen King „Das Leben und das Schreiben“

„Geschichten sind Fundstücke, Fossilien im Boden. … Geschichten sind Überbleibsel, Teile einer noch unentdeckten, seit jeher bestehenden Welt. Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, jede Geschichte … so unbeschädigt wie möglich aus dem Boden zu heben. Manchmal legt man ein kleines Fossil frei, eine Muschel. Manchmal ist es riesengroß, ein Tyrannosaurus Rex mit gigantischen Knochen und grinsendem Schädel.“

Stephen King, Das Leben und das Schreiben, Ullsein 2000

Ich denke, jeder Mensch sammelt etwas. Seien es die kleinen Matchbox Autos oder Barbie Puppen. Seien es Bücher oder alte Schallplatten. Frauen sammeln Schuhe und Handtaschen, Männer Bierkronen und Miniatur Eisenbahnen. Ich sammel Kochbücher und Tipps über das Schreiben. Zeitgleich lese ich keine Biographien. Sie interessieren mich einfach nicht. Von daher war es merkwürdig, als ich das Buch von S. King mit nach Hause brachte. Es war ein Schreibratgeber, aber auch eine Biographie. Ein typisches „Mal sehen, was der Kerl mir erzählen will“ Buch. Und ich war wirklich überrascht davon!

Der erste Teil ist biographisch. Es geht um die Kindheit des Autors und wie er zum Schreiben kam. Seine Mutter wird ausführlich erwähnt, ebenso wie sein Alkoholproblem. Ich weiß, daß ich vor Jahren mal ein paar Bücher von ihm gelesen habe (es waren nicht seine großen Erfolge, sondern unbedeutendere Bücher), aber ich kann mich an seinen Schreibstil nicht mehr erinnern. Ist er, wie in diesem Buch, muß ich dem Autor King definitiv noch eine Chance geben. Er hat von seiner Jugend so unterhaltsam erzählt, daß ich stellenweise laut los gelacht habe. Ich konnte mir alles bildlich vorstellen und es hat wirklich Spaß gemacht diese Biographie zu lesen.

Der zweite Teil war der Teil, der mich eigentlich interessiert hat. Er ist ein berühmter Autor, dessen Bücher auf Bestseller Listen landen, kaum das der Druck trocken ist. Mir war klar, daß er keine großen, atemberaubenden Geheimnisse verraten würde, aber ich war doch neugierig genug, um das Buch überhaupt mitzunehmen. Was im Ratgeber dann erwähnt wurde, war nichts, was mich wirklich überrascht hat. Es ging um ordentliche Rechtschreibung (eines meiner großen Probleme…), um Grammatik (ebenfalls) und um das Weglassen von Adjektiven. Aber auch über die Suche nach einem ordentlichen Agenten und über die Vorteile einer Publikation in einer Zeitschrift, selbst, wenn man dort als Bezahlung nur Belegexemplare bekommt. Alles zusammen war der Ratgeber interessant geschrieben, mit ein paar guten Beispielen, aber nicht wirklich spannend.

Im letzten Teil erfolgte eine Vermischung von beiden Teilen. Stephen King hatte, als er dabei war das Buch zu schreiben, einen Unfall. Ein LKW-Fahrer hat ihn als Fussgänger übersehen und überfahren. Was folgt ist ein langer und schmerzhafter Rekonvaleszenz Prozess, im Verlauf dessen er weiter an dem Buch schreibt. Mir gefiel dieser Teil besonders, weil er mir erklärt hat, warum sich der Schreibratgeberteil so eigenartig las. Ich habe es ursprünglich auf die Materie geschoben, aber nach dem Lesen des dritten Teils denke ich, es lag an dem Unfall und den damit verbundenen Schmerzen und Problemen, die den Teil so eigenartig werden ließen. Er ist klar als ein Stephen King Teil erkenntlich, aber er liest sich anders. Weniger zufrieden mit sich und unterhaltend, dafür ein wenig gequält klingend. Offenbar werden auch erfolgreiche und lang geübte Autoren wie King von ihrem „normalen“ Leben beim Schreiben beeinflusst.

Mein Fazit aus dem Buch ist jedoch ein anderes. Ich hatte, wie gesagt, auf kleine Geheimnisse gehofft (oder vielleicht auch nur ein paar Dinge, die ich noch nicht in jedem zweiten Ratgeber gelesen habe), aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Dafür aber hat Stephen King erklärt, wie er schreibt und ich wünschte wirklich, ich hätte diese Erklärung schon vor Jahren gelesen.

Stephen King schreibt sein Buch nicht geplant. Er denkt sich keine großen, schwer nachzuvollziehenden Handlungsverläufe aus. Er hat eine Szene vor Augen und beschreibt diese und hangelt sich von dieser Szene an weiter. Er sagt im Buch, das er selber sein erster überraschter Leser sei, weil er zu Beginn des Buches oftmals nicht weiß, wie es enden wird.

Ich habe mein erstes wirklich beendetes Buch so geschrieben. Ich hatte eine Szene vor Augen und wußte noch nicht mal, daß daraus innerhalb von zwei Jahren ein Buch werden würde. Diese Szene fühlte sich einfach gut an zu schreiben. Ich mochte sie später gerne nochmal lesen, ich mag sie sogar jetzt noch. Ich denke, sie ist eine der besten Szenen, die ich jemals geschrieben habe. Diese Szene war in meinem Kopf und sie mußte raus. Also schrieb ich sie, legte sie beiseite und wußte nichts, damit anzufangen. Was okay war. Ich war damals gerade erst Mutter geworden und mein ganzer Tagesablauf drehte sich ums Kind füttern, den Hund raus lassen, das Katzenklo säubern und das Kind füttern. Hatte ich Zeit zu schreiben, hatte ich ebenso Zeit zum Schlafen und mit einem Baby oder Kleinkind im Haus, kann man sich denken, wofür ich mich meistens entschied.

Dann aber hatte ich eine weitere Szene im Kopf. Und einen Anfang für eine Geschichte. Ich schrieb beides und von da an lief es immer weiter und weiter. Mehrere Szenen folgten. Sie hingen nicht mal zeitlich miteinander zusammen. Ich verwarf den Anfang komplett, schrieb ihn neu, stückelte Szenen zusammen und entdeckte, was fehlte. Schließlich schrieb ich das Ende und setzte die Puzzlestücke zusammen und plötzlich war aus einem Haufen ungeordneter, nie geplant zusammen hängender Szenen ein Buch geworden, das der Länge nach gleich neben Tolkiens „Herr der Ringe“ steht.

Damals begann ich als Autor Erfolg haben zu wollen. Ich wollte mein Buch verkaufen. Ich wollte noch mehr Geschichten schreiben.

Ich entdeckte ein Forum für Hobby-Autoren und relativ schnell schrieb ich dafür. Das Problem war, meine Art eine Geschichte zu schreiben (nämlich von einer Szene zur anderen und wieder zurück zu springen) ging im Forum nicht. Entweder ich konnte nur komplett fertige Geschichten posten oder ich mußte die Teile der richtigen Reihenfolge zuordnen.

Das war der Augenblick, wo ich vermehrt Ratgeber über’s Schreiben las, und in jedem stand drin, daß man Geschichten planen und von Anfang bis zum Ende schreiben soll. Ich versuchte mich danach zu richten, schließlich war es offenbar das, was alle echten Autoren taten, und oftmals gelang es mir auch, aber es fühlte sich zumindest am Anfang falsch an.

Und dann lese ich jetzt in einem Ratgeber eines Horrorroman Autoren das er es in etwa so macht wie ich früher!

Vielleicht sollte ich gucken, ob ich mich wieder umtrainieren kann?

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