Julia Cameron „Der Weg des Künstlers“

Ich glaube, ich habe nicht mal für „Die Nebel von Avalon“ fünf Tage zum Lesen gebraucht (aber damals war ich auch noch Single und Schüler).

Dieser Satz ist so ungefähr das Erste, was mir einfällt, wenn ich an das o. g. Buch denke. Und ich bin noch nicht mal mit dem ganzen Buch fertig! Im Gegenteil. Ich habe gerade erst die einleitenden Kapitel und die erste Wochenaufgabe gelesen. Mein Problem mit dem Buch ist, das es so langwierig erscheint. Jeder Satz wird mindestens einmal wiederholt und dann kommt die Wiederholung des Absatzes, um auf der nächsten Seite mit der kurzen Zusammenfassung der vorherigen Seite wieder anzufangen. Jedenfalls ist das mein Gefühl (laut meinem Mann, der einen kurzen Blick ins Buch geworfen hat, ist mein Gefühl komplett falsch, aber er konnte ein gelangweiltes Gähnen auch nicht unterdrücken).

Trotzdem sind im Buch Stellen, die mir gut gefallen und wo ich denke, daß ich auf diese Idee auch schon zehn Jahre vorher hätte kommen können. Ich bin es aber nicht! Also habe ich artig weiter gelesen, mich nicht daran gestört, daß ich ewig brauche und freute mich auf die erste Wochenaufgabe. Ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe. Wahrscheinlich mit irgendwas á la „Mal ein Bild“ oder „Schreib einen Fünfzeiler zum Thema Hühnersuppe“. Ich weiß es nicht. Im Nachhinein gesehen hätte ich aber mit der Aufgabe, die dann gestellt wurde, rechnen sollen.

Es geht darum, mein inneres Künstlerkind (ein Begriff aus dem Buch, der mir sehr gut gefällt) wieder aufzuwecken. Den Schattenkünstler ins Licht zu holen (auch der Begriff gefällt mir).  Die Autorin geht davon aus, das in jedem von uns ein solches Kind, ein solcher Künstler steckt und das er in seiner Jugend nur nicht genügend gefördert oder wohlmöglich sogar entmutigt wurde. In der Wochenaufgabe geht es darum, daß wir diesem Kind Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Ich soll mich hinsetzen und mich an Szenen erinnern, in denen ich „unterdrückt“ oder negativ bestärkt worden bin. Dann soll ich imaginäre Briefe zu dieser Situation schreiben und mein ineres Künstlerkind verteidigen.

Ich glaube, die Aufgabe macht Sinn, weil es einem vor Augen führt, wo man „schlechte Gedanken“ aufgeschnappt hat, wo man unsicher gemacht worden ist.

Mein Problem ist nur, ich bin ein absoluter Meister der Verdrängung!

Ich weiß, daß ich mal vor Jahren mit meiner Schwägerin darüber geredet habe. Sie sagte, es wäre normal, wenn man sich an eine Zeit bis ungefähr zu seinem 8ten Lebensjahr erinnern kann. Viele können sich sogar noch an die Einschulung erinnern, einige wenige an ihre Kindergartenzeit und dann auch nur, wenn dort wichtige Ereignisse stattgefunden haben (der Tod eines Verwandten z.B.). Sie ist Psychologin und als solche hat sie sich mit sowas beschäftigt. Als ich ihr sagte, daß ich  mich an Nichts erinnern kann, das vor meinem zehnten Geburtstag passiert ist, war sie sprachlos. Im folgenden Gespräch hat sie versucht, Sachen aus mir herauszukitzeln. Wir haben uns sogar die wenigen alten Fotos angesehen, die ich von mir habe, aber es hat alles nichts gebracht. Meine erste bewußte Erinnerung ist, das ich einen Weihnachtswunschzettel für meine Mutter schreibe. Ich bin zu dem Zeitpunkt fast zehn Jahre alt, in der vierten Klasse und lebe bei meinem Vater 300km von meiner Mutter entfernt.

Heute weiß ich noch von anderen Dingen, aber diese Erinnerungen sind nur Sachen, die mir erzählt worden sind. Meine Mutter erzählte mir mal, daß ich, als sie mich abholte, um bei ihr zu wohnen, eine Vorliebe für Zwiebelsuppe hatte. Sie sagte, ich hätte die bei meinem Vater mindestens einmal die Woche gegessen. Ich hätte sie mir sogar selber gemacht (wahrscheinlich ein Kochbeutel oder sowas…). Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich auch an den Geruch von Zwiebelsuppe nicht erinnern, aber ich weiß, daß ich sie seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gegessen habe und das ich sie nicht mag. Absolut überhaupt nicht. Iieh-bäh!

Meine Schwägerin sagte dazu, daß sich sowas nach einer Verdrängung nach einem schlimmen Erlebnis anhört. Aber leider wissen wir es nicht genau und es lebt auch keiner aus meiner Familie mehr, der mir darüber was erzählen könnte. Sie sagte mir damals, das ich mich um eine Hypnose oder auf jeden Fall um eine Therapie kümmern sollte, was ich aber nie getan habe. Warum auch? Mir geht es gut! Was immer ich verdrängt oder einfach nur vergessen habe, ist vorbei und offenbar vergessen *gg*

Ich denke heute noch genauso darüber, aber gleichzeitig frag ich mich, ob damals etwas geschehen ist, was mein inneres Künstlerkind getroffen hat. Vielleicht ist es albern über so etwas überhaupt nachzudenken. Vielleicht ist es auch der richtige Weg. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, daß ich mit meiner Mutter nie über mein Hobby „Schreiben“ geredet habe. Sie hat mich schreiben gesehen, aber sie hat meines Wissens nie nachgefragt, was ich da schreibe. Vielleicht hat es sie einfach nicht interessiert oder sie hat meine Sachen heimlich gelesen, wenn ich in der Schule war. Ich habe keine Ahnung, finde das alles aber ziemlich eigenartig. Ich bin heute selber Mutter und ich bin neugierig, was mein Kind angeht. Ich kümmer mich nicht um alles, was er macht. Ich lese nicht jedes Buch, was er sich selber aus der Bücherei holt, noch höre ich jede Musik, die er sich anhört (obwohl es sich manchmal nicht vermeiden läßt), aber wenn ich in sein Zimmer gehe und er sitzt am Schreibtisch, um etwas zu malen oder zu schreiben, bleib ich stehen und unterhalte mich mit ihm darüber. Wenn er draußen Torwürfe übt, geh ich raus und frage, woher die neue Technik kommt. Wenn er ein dämliches PC Spiel anfängt, höre ich mir an, warum das neue Spiel um Längen besser ist als das Alte.

Das alles hat nicht mal was damit zu tun, daß ich seine Mutter bin. Ich bin einfach neugierig und er ist im Raum, warum sollte ich also nicht fragen?

Nun sitz ich hier und denke darüber nach, warum meine Mutter nicht nachgefragt hat. Oder hat sie? Und warum hab ich es dann vergessen? War mir das Gespräch zu peinlich? Oder hat meine Mutter mich in dem Gespräch nicht unterstützt, sondern ein dem Schreiben gegenüber ablehnendes Verhalten gezeigt, das ich vergessen wollte?

Ich weiß, daß ich von meiner Mutter die erste Schreibmaschine bekommen habe (auf Drängeln und Betteln meinerseits). Meine erste Gitarre mußte ich mir trotzdem selber kaufen. Der Unterschied liegt klar auf der Hand: Eine Schreibmaschine ist nützlich. Jede Bürokauffrau braucht sowas. Eine Gitarre ist unnützer Kram, der einem kein Geld einbringt.

Habe ich sowas bzgl. des Schreibens auch mal gehört?

Es ist wohl anzunehmen. Aber diese Erkenntnis löst die Wochenaufgabe nicht. Ich weiß, wie gesagt, nicht, was vor meinem zehnten Lebensjahr passiert ist und demnach weiß ich natürlich auch nicht, wer wann mein Schreiben oder den Versuch kritisiert hat. Wie soll ich also da meinem inneren Künstlerkind Gerechtigkeit wiederfahren lassen?

Außerdem habe ich noch ein Problem. Eine weitere Aufgabe in dem Buch war, einen bösen Brief an den Verursacher des Problems zu schreiben. Wie mein Mann so schön bemerkt hat, war meine Mutter sehr dominant und ich vermute stark, daß sie der Verursacher war. Aber sie ist tot und ich vermisse sie seit Jahren. Ich kann mich nicht hinsetzen und ihr einen bösen Brief schreiben. Das geht einfach nicht. Ich will das auch gar nicht. Womit Aufgabe Nummer Eins zu einem echten Problem für mich wird.

Dafür sind die beiden anderen Aufgaben zum Glück leichter zu lösen.

Die eine ist, das tägliche Schreiben der Morgenseiten. Nachdem ich endlich verstanden habe, worum es dabei geht, gefällt mir die Sache sehr gut. Ich bin zu kompliziert, um täglich Tagebuch zu schreiben. Nein, kompliziert ist nicht der richtige Ausdruck. Zu chaotisch und zu faul. Ich habe es früher mal versucht, habe mir ein hübsches Tagebuch gekauft und mich dann abends hingesetzt und mein aufsehenerregendes Leben dort vermerkt. Ungefähr fünf Tage lang (wenn überhaupt so lange), dann war ich genervt und hatte Besseres zu tun. Ich muß sagen, ich bin auch zu geheimniskrämerisch (würde man nicht denken angesichts dieses Blogs, oder?) und ich mag meine tiefsten und geheimsten Gedanken nicht aufschreiben und dann Gefahr laufen, daß sie jemand findet und liest. Früher hätte ich nicht mal meine Geschichten irgendwo liegen lassen, aus Angst, daß sie jemand findet. Die Angst habe ich auch heute noch, aber ich weiß, daß mein Mann niemals losgehen würde und bewußt in meinen Sachen schnüffeln, von daher geht es. Dann hatte ich Probleme damit, daß ich in einem Tagebuch alles ordentlich schreiben wollte. Ich weiß nicht. Vielleicht lag es an dem schönen neuen Buch oder dem Vorstatz jetzt endlich was ganz Tolles anzufangen, was so viele vor mir schon gemacht haben. In diesem Buch sollte alles ordentlich und nachvollziehabar sein. Ich stellte mir vor, daß ich noch Jahre später mal ein Buch zur Hand nehmen würde und dann begeistert in den alten Einträgen schmöckern würde. Meine Einträge waren mir aber schon nach drei Tagen peinlich!

Tagebuch kam also nicht für mich in Frage. Diese Morgenseiten haben eine Menge von der Art des Tagebuch schreibens und gleichzeitig werden sie nicht geschrieben, um dem Schreibenden in 20 Jahren zu erzählen, was er an dem Tag gedacht hat. Sie werden geschrieben, damit der Müll und Ballast von der Seele ist und man sich auf anderes konzentrieren kann. Dazu zählt, das man schimpft, das man sich über andere Leute aufregt oder die Tagesplanung für den Tag durchgeht. Angeblich sollen diese Seiten einem dann auch Lösungen aufzeigen. Es wird im Buch von Leuten geredet, die nur durch die Morgenseiten erkannt haben, das sie eigentlich schon immer Sänger werden wollten. Durch die Morgenseiten bekamen sie den Mut es zu versuchen und heute sind sie glücklich. Mir haben die Morgenseiten bisher nichts dergleichen verraten, aber sie gefallen mir trotzdem. Es macht Spaß zu beobachten wie aus „Ich bin totmüde“ ein „Warum essen wir nicht mal wieder Pfannkuchen“ wird. *lach*

Ein weiterer Punkt war der Künstlertreff. Ich dachte im ersten Moment der Begriff wäre ernst gemeint. Ich sollte los gehen und einen Künstler treffen und sorry, das ist absolut nicht mein Ding. Das mach ich niemals im Leben. Gutes Buch hin oder her.

Dann jedoch merkte ich, daß ich der Künstler war, den ich treffen sollte. Fast wie ein Rendevous. Eine Verabredung nur mit mir selbst zu meinen Bedingungen und dann sollte ich Dinge tun, die mir Spaß machen. Ich sollte mich nicht nach einem Familienmitglied oder dem Job richten, sondern nur nach mir.

Das klang doch schon besser!

Allerdings sollte dieser Treff in der Woche zwei Stunden dauern und das krieg ich zeitlich nicht hin. Also habe ich beschlossen, es auf viermal 30 Minuten zu beschränken. Ich weiß nicht, ob das denselben Sinn erfüllt, aber ich versuch es einfach mal.

Mein erster Künstlertreff war übrigens in einem künstlich angelegten Park in Kiel. Der Park liegt auf einer Moräne oder so. Auf jedenfall deutlich erhöht. Meine Parkbank stand so, daß ich den Hügel hinuntersehen konnte und direkt auf die Straße. Dahinter war das scheinbar endlose Meer mit Segelschiffen und ganz im Hintergrund konnte ich Laboe mit seinem Denkmal sehen. Es war warm und sonnig, und einfach nur ruhig. Von der gerade zuende gegangenen Kieler Woche waren noch verschiedene Segelschiffe auf der Förde unterwegs und ich habe mich gefragt, wie es wohl an Bord so eines Schiffes wäre. Dann fuhren Cabrios über die Straße und ich versuchte mir vorzustellen, wie so eine Fahrt im Cabrio am Meer sein müßte. Ist es laut im Auto? Ich meine, wenn ich mit offenen Fenstern Auto fahre ist es immer laut. Aber ist das bei einem Cabrio genauso?

Mit anderen Worten: Mein erster Künstlertreff hat mir sehr gut gefallen!

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